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Thursday, November 25th 2010, 4:04am

4. Das Gruppenverhalten

Das Gruppendenken und Gruppenverhalten oder auch Kollektivität genannt, ist eine wichtige Komponente der asiatischen Kultur. Wer der jeweiligen Gruppe nicht angehört, wird von ihr ausgegrenzt oder gar diskriminiert. Dabei stellt die bedeutendste Gruppe die eigene Großfamilie dar (aufgrund ihrer Bedeutung, wird dieser ein separates Kapitel gewidmet). Weitere Gruppen sind teilweise für Westler erheblich schwieriger zu durchschauen. Sie bilden sich z.B. am Arbeitsplatz, durch regionale Zugehörigkeit, sozialen Gruppierungen usw. So existiert ein teils hoch kompliziertes von außen schwer durchschaubares Gefüge. Hierbei gibt es jedoch Auswirkungen auf andere Kulturkomponenten, die vom Gruppenverhalten dominiert werden. Wie bereits erwähnt, ist dann durchaus möglich, dass die Familien- oder Gruppeninteressen z.B. das Harmonieprinzip bzgl. Nichtmitgliedern aushebeln!

Die Gruppe ist einerseits bestimmend über das Leben des Einzelnen, nimmt ihm aber auch viel ab was Individualität und Freiheit angeht. Im Westen würde man sagen, der Asiate wird seiner Freiheit beraubt, jedoch empfindet er selbst es nicht so! So spielen sich das Leben, die Arbeit und auch Freizeit überwiegend in der Gruppe ab. Einzelgänger oder Individualisten wie man diese im Westen nennt, gehören nicht dazu und werden diskriminiert (sorry für die Wiederholung - aber es gibt m.E. keine treffendere Bezeichnung). Intimsphäre oder andere private Freiheiten sind relativ unbedeutend, zumindest im Vergleich zum Westen. Innerhalb der Gruppe werden intime Fragen sehr offen besprochen, genauso wie ein Besuch eines Gruppenmitgliedes nicht angekündigt werden muss. Jedenfalls wenn man etwas unternimmt, tut man das nicht alleine, sondern nimmt andere mit. Das bietet mehr Sicherheit, aber auch mehr Spaß, zumindest nach asiatischem Verständnis.

Bei Festen wie Hochzeit, Taufe oder Geburtstagsfeiern wird man ebenso Einblicke in das Gruppenverhalten gewinnen. Während man bei Kindergeburtstagen noch von einem mehr oder weniger geschlossenen festen "Programm" wenig überrascht ist, laufen solche Anlässe bei Erwachsenen erstaunlicherweise durchaus ähnlich ab. So ist dann auch wenig verwunderlich, dass die Gastgeber zunächst warten ... und warten ... und schlagartig ist die "Hütte voll". Fast wie auf Kommando trifft man "asiatisch pünktlich" ein - klar in Gruppen - welche sich vorher trafen und zusammen erscheinen. Das Programm wird dann schon fast zeremonienartig "abgenudelt", ein Programm an dem alle gleichzeitig teilnehmen. Ob Spiel oder Vortrag oder Gesang. Oft wird dann irgendwann die Karaokebox angeworfen und in der Gruppe das Mikrofon zum Singen durchgereicht. Von wenigen hartgesottenen Ausnahmen abgesehen, kommt dann der Zeitpunkt des Aufbrechens wiederum wie ein geheimes Kommando, wo die Masse praktisch zusammen verschwindet.

Partygäste im Westen sind da anderes gewohnt: man tanzt mit seinem Partner, man unterhält sich in kleinen Grüppchen von 2 oder 4 Leuten. Das asiatische Feiern lässt sich auf deren Bedürfnisse nicht übertragen. Individualität ist das Schlagwort. Wo käme auch "Partygast" hin, wenn er sich einem oft als "lächerlich" oder "kindisch" empfundenen Gruppenverhalten unterordnen müsste? Er empfände das meist als anmassenden Zwang, langweilig und öde. Was es aber nicht ist, sofern man Teil der Gesellschaft wird ... Auch werden im Westen die Feierlichkeiten nicht in der Form beendet, sondern plätschern eher aus. Ähnlich sind Fotografien einzuschätzen. Während man im Westen "mein Kind, meine Frau oder mein Pferd und ich" als seine Bilder ausweist, sprechen z.B. in "Facebook" Asiaten eine ganz andere Bildersprache. Dort sieht man dann beispielsweise viel mehr Gruppenbilder welche das Thema haben könnten "meine Schulklasse, meine Geburtstagsgäste, meine Familie oder unsere Gesangsgruppe". Dabei ist es dann aber wiederum wichtig wie man selbst zusammen mit seiner Gruppe aussieht.

Doch mehr als diese äußerlichen Erscheinungen vermuten lassen, ist das Gruppenverhalten viel tiefer verwurzelt. Gerade aus dem engen und streng hierarchischen Familiengeflecht resultierend (die Hierarchie wird in einem späteren Kapitel betrachtet), ersetzt es die Freunde außerhalb der Familie, wie man sie z.B. im Westen kennt. Um hier keine Lücke entstehen zu lassen, ist ein Beziehungsgeflecht erforderlich, das im Alltag nützlich ist und für bestimmte Anforderungen unentbehrlich wird. Wer einen speziellen Handwerker braucht, fragt jemanden innerhalb seines persönlichen Netzes nach einer Person mit diesen Eigenschaften. "Oh, sorry! Das kann ich nicht. Aber der Nachbar meines Schwagers den kannst Du mal nachfragen." Sollte der aber auch nichts wissen, dann kann der sicher wieder auf einen anderen "Nachbarn seines Schwagers" verweisen oder den ersten Befragten noch mal ansprechen, da der bestimmt auch noch eine Schwägerin mit einer Nachbarin hat ...

So lassen sich über ganz kurze Wege Leute finden, bei Polizei, Justiz, Behörden, Handwerk oder beliebigen Dienstleistungen, in nahezu allen Gesellschaftsschichten. Wer dieses System nicht kennt, bewegt sich mit einer erheblichen Portion Unsicherheit bis Angst durch Asien. Das kann man ändern, indem man Augen und Ohren öffnet. Schnell wird man Schlüsselfiguren ausmachen können, die anscheinend jeden kennen. Zumindest kennen sie immer jemanden, der wiederum einen anderen kennt und dann ist man schnell an der richtigen Stelle. Der Zauber liegt im eigenen persönlichen Kontaktnetz, das man ständig pflegen und ausbauen sollte.

Inzwischen kann man sogar belegen, dass über 5 Stationen jeder zu jedem Menschen auf der Erde Kontakt haben soll ... Mein persönlicher Eindruck: während im Westen denn doch vielleicht 7 Stationen dafür notwendig sind, reichen in Asien lediglich 3 aus!
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22

Monday, November 29th 2010, 10:05am

Kulturdifferenzen Teil 5: Die Familie

Generell wird in Asien der Familie, eigentlich wie jeder Gesellschaftsgruppe, immer eine größere Bedeutung zugestanden als einer Einzelperson. Das einzelne Familienmitglied erfährt darin einen besonderen Schutz. Deshalb unterscheidet sich die Familienstruktur auch sehr stark von der westlichen Vorstellung.

So übernimmt das Familienoberhaupt die Verantwortung für seine Familie. Dies bedeutet aber auch, dass es sich sich dafür in Belange einmischt, die es für wichtig hält, aber es nach westlichem Verständnis nichts angeht! So wird es bei der Kindererziehung, bei Ehefragen, Schul-Enrollment, Berufswahl, Streitschlichtung oder finanziellen Themen usw. sich mehr oder weniger tief in die Entscheidung des Einzelnen einmischen!

Das Familienoberhaupt ist nicht abwählbar und begleitet seine Funktion bis zum Tod. Danach übernimmt der in der Hierarchie nachfolgende (Kapitel 6 beschäftigt sich mit dem Kulturmerkmal "Hierarchie") die Funktion. Die Loyalität in der Familie ist normalerweise (zumindest im Idealfall) unbegrenzt. Vorsicht ist allerdings vor den Ausnahmen geboten! Denn Außenseiter sind meist nicht ohne Grund "Abtrünnige" und werden sich auch nicht in anderen Belangen integrieren. Hingegen nicht zur Familie gehörende Menschen, werden sogar teilweise soweit ausgegrenzt, dass man ihnen mehr als nur reserviert gegenübersteht. So wundern sich viele aus dem Westen stammende, dass bei einem Verkehrsunfall sich manchmal keiner drum kümmert oder gar hilft ...

Das heißt hier verbirgt sich ein komplett anderes Wertesystem dahinter! Denn im Gegensatz zum Westen, wo Individualität und Egoismus dominieren und man dafür eine Alterseinsamkeit in Kauf nimmt, steht in Asien die Großfamilie mit weitem Abstand an erster Stelle. Ältere Menschen werden deshalb derzeit noch mehr respektiert, als im Westen. Die Familie ist DIE Altersversorgung, sie ist ein Personenschutz, ein Hort der Geborgenheit und vieles mehr. Die Familie bildet den persönlichen Bewegungsrahmen und definiert in weiten Zügen das Leben. So ist es nicht sonderlich verwunderlich, dass die Großeltern oft ein gewichtiges Wort bei der Kindererziehung haben und in die Erziehung den Eltern reinreden! Andererseits ist den Großeltern, ohne weitere Hinterfragung, selbstverständlich ihr Auskommen bis zum Tod gesichert.

Doch es gibt noch andere Tragweiten dieses Familiensystems. Denn die Familie ersetzt oft Freundschaften, wie man sie vom Westen her kennt. Dort ist eine Freundschaft meist die engste menschliche Beziehung, gleich nach der Partnerschaft. Dass dies aber nicht nur Vorteile hat, zeigen all die Fälle im Westen, bei denen das ganze Leben aus den Fugen zu geraten droht, wenn eine Freundschaft zerbricht (Beispiel: Amokverhalten). Dagegen sind tiefer gehende Freundschaften in Asien eher selten. Die Familie ersetzt diese in nahezu jeder Beziehung. Denn während Freundschaften abrupt zu Ende gehen können, Verwandtschaftsverhältnisse sind nicht kündbar! Die Tochter bleibt die Tochter und der Opa bleibt der Großvater. Die Mutter wird nicht in ein Heim abgeschoben, nur weil sie zum Pflegefall wird. Sie käme niemals auf den Gedanken, dass sie jemandem dadurch in eine unzumutbare Situation brächte. Auch die Eltern müssen sich keinen Kopf zerbrechen, wer auf das Kleinkind aufpasst, da der Babysitter gerade Urlaub hat. Sollte jemand auf irgendeine Weise ein Familienmitglied gar bedrohen, dann wird er es schnell mit der ganzen Sippe zu tun bekommen.

Ein anderer Punkt der sehr oft auf Unverständnis im westlichen Lager stößt, sind die familiären Umgangsformen. So sind Streitigkeiten in Asien innerhalb einer Familie zwar meist an der "Tagesordnung", gehen aber üblicherweise nicht so tief. Hingegen Streitigkeiten außerhalb der Familie, versucht man aus dem Weg zu gehen, da schnell unüberbrückbare Gräben entstehen. Daraus ergeben sich dann für das westliche Verständnis kaum nachvollziehbare Sachverhalte. So streiten und zanken sich dann z.B. zwei erwachsene Schwestern, dass die Fetzen fliegen. Nur wenige Stunden später sind beide einträchtig beim Shopping zu sehen. Falls sich das häufiger wiederholen sollte, wäre das kein Widerspruch, sondern eher eine Bestätigung der Regel! Gerade dieses schnelle "Verzeihen" wird im Westen häufig als "oberflächlich" missverstanden.

Wenn nun ein Westler Gefallen an dem asiatischen Familienmodell findet und auf die Idee kommt, sich in solch eine Familie einbringen zu wollen, sollte sich aber zumindest auch diesen Abschnitt möglichst vorher durchlesen. Denn der Verlust der Individualität, der Intimsphäre und Freiheit, mag auf eine zeitlich befristete Dauer noch wie ein Abenteuer wirken, das man vielleicht gerne mal eingeht. Aber wie sieht es denn aus, wenn ich täglich bemerke, dass sich Mitglieder der Familie am Tage in meinem Bett ausruhen? Wie werde ich die tägliche "Ganztagesmahlzeit" verkraften (so kann es zumindest jemandem vorkommen, wenn 25 und mehr Menschen nicht gleichzeitig am Tisch Platz finden aber mindestens Frühstück, Mittagessen und Abendessen daran einnehmen)? Geht mir die Verwandtschaft nicht auf den Zeiger, wenn ich mal einen Ausflug alleine machen will? Denn auch da ist es selbstverständlich, dass man ohne weitere Rückfrage fertig gepackt neben dem Auto bereits wartet. Wo kann ich denn hingehen, wenn ich mal ein paar Stunden ganz alleine sein möchte? Werde ich damit klar kommen, dass ein "Geheimnis" welches ich nur mit einem Menschen teilen möchte, innerhalb einer Stunde die ganze Sippschaft diskutiert? ...

Dass nämlich der Gewinn durch die Familienbeziehung sich für jemanden, welcher im Westen mit dem westlichen Wertesystem aufwuchs, mehr als nur zum Prüfstein werden kann, ist noch verständlich. Aber eigentlich muss man vor solch folgenreichen Entscheidungen warnen, diese leichtfertig oder vorschnell zu treffen - sie sind reiflich zu überlegen! Denn ein Rückzug aus dem Clan ist kaum reibungsfrei durchführbar und kann katastrophal enden, denn oft bleibt es dann nicht bei Enttäuschungen oder "nur" Gefühlsverletzungen ...
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23

Tuesday, November 30th 2010, 12:48am

Meinug und Ergänzung:
Dass nämlich der Gewinn durch die Familienbeziehung sich für jemanden, welcher im Westen mit dem westlichen Wertesystem aufwuchs, mehr als nur zum Prüfstein werden kann, ist noch verständlich. Aber eigentlich muss man vor solch folgenreichen Entscheidungen warnen, diese leichtfertig oder vorschnell zu treffen - sie sind reiflich zu überlegen! Denn ein Rückzug aus dem Clan ist kaum reibungsfrei durchführbar und kann katastrophal enden
Deine Darstellung der Familie sollte denen, die in eine solche Famile "einheiraten", als Ratgeber willkommen sein, die sich Fragen stellen wie z.B.:
  1. Bin ich jemand, der sich da hineinfinden kann, auf Dauer? Oder ist das etwas, was mich eher dazu bringen sollte, Abstand zu nehmen bzw. zu halten?
  2. Bin ich so aufgestellt, dass diese Art der Familie etwas ist, was mir u.U. bisher gefehlt hat?
VOR der Entscheidung hat man je nach Anwort auf die eigenen Fragen noch die Möglichkeit, von einer solchen "Union" die Finger zu lassen.
NACH einer (positiven) Entscheidung - man will ja nicht die Familie heiraten, sie ist quasi das "Hochzeitsgeschenk" - gibt es dann die 2 Alternativen:
  • Räumlichen Abstand zur Famile erzeugen - sei es durch die Rückkehr des Paares nach Deutschland, sei es durch den Umzug auf eine andere der 7.000 Inseln,
  • Die Familie als Teil des eigenen ständigen Umfelds akzeptieren, da sehe ich durchaus auch den einen oder anderen Westler für geeignet.
Und sollte jetzt einer zurückposten: Nein, das geht auf keinen Fall: dann ist er eben nicht dafür geeignet, auch gut :clapping
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Peter Pando

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Wenn das Leben dich nicht veraendert hat,
solltest du dein Leben aendern.

24

Monday, December 6th 2010, 5:13am

Kulturdifferenzen Teil 6: Die Hierarchie

Hierarchisches Denken ist in Asien allgegenwärtig: in der Familie, im Beruf, in der Schule, in der Politik und im öffentlichen Leben. Innerhalb einer Familie gelten die Hierarchien dann z.B. in der Form, dass Brüder sich dem Alter nach sortieren und anschliessend die Schwestern, auch dem Alter entsprechend folgen! Der jeweils niedrigere ist dem höher gestellten zu Respekt (vergl. auch späteres Kapitel zu Gestik) und bei "Bedarf" (wobei dieser Begriff sehr dehnbar ist) sogar zu finanzieller Unterstützung verpflichtet! Diese Regel wird beispielsweise auf den Philippinen in vielen Familien noch gelebt, unabhängig von der gesetzlichen Regelung, welche nur das Alter nicht aber das Geschlecht berücksichtigt! (Achtung: Bitte die Hierarchie nicht verwechseln mit der kulturellen philippinischen Besonderheit des "Utang na loob"!)

Äussere Symbole begleiten und unterstützen diese Hierarchien wie z.B. die Größe des Autos, der Wohnung oder Haus, des Büros, Einrichtungsgegenstände, Schmuck, etc. Dies erklärt auch die Bedeutung von Statussymbolen, die zwar im Westen ebenso existieren, aber bei weitem nicht diese Bedeutung haben! Eine zumindest denkbare Erklärung dafür, weshalb sich viele für die Statussymbole sogar verschulden, da ihnen der Besitz allein zu viel mehr (vermeintlichem) Ansehen verhilft. Ebenso sind Sitz- und Marschordnungen, besonders in der politischen chinesischen Öffentlichkeit, ein Spiegelbild des Machtgefüges.

Wer eine spezielle öffentliche oder berufliche Funktion inne hat, den spricht man üblicherweise mit Namen und seiner Funktion auch an: Attorny Fernandez, Teacher Jude, Mayor Osmena, Senator Marcos, usw. Aufgrund seiner Funktion wird er automatisch respektiert, drückt diese doch die Position innerhalb der gesellschaftlichen Hierarchie aus. Als Respektsperson wird er deutlich von Kritik oder Hinterfragung seines Tuns ausgenommen (auch unter Berücksichtigung des Indirektheitsprinzips, welches im öffentlichen Umgang noch weitere Regeln kennt, die wir hier aber nicht weiter verfolgen). Deshalb lässt man sich auch viel schneller von Politik und Religion in die Irre führen, da man sich erst gar nicht traut diese zu hinterfragen. Ein Manager wird bereits aufgrund seiner Funktion respektiert. Wenn dieser einen Mitarbeiter entlassen muss, wird dieser kaum echten Einspruch erheben. Es sei denn er verliert bei der ganzen Aktion sein Gesicht! Dann wird er wiederum, möglicherweise aber erst viel später, darauf reagieren.

Eltern sind innerhalb der Familienhierarchie generell Respektspersonen, die frei von jeglicher Hinterfragung ihres Tuns sind. Kritik an einem hierarchisch hoch Stehenden oder gar an dem Familienoberhaupt ist tabu. Die philippinischen Besonderheiten der Familienhierarchie wollen wir an dieser Stelle nicht weiter vertiefen, da diese eine eigene Betrachtung wert sind. Generell hat das hierarchische Familiendenken in Asien einen Stellenwert, der westlichem Denken fremd ist.

Im Westen wird eine andere Werteordnung vermittelt, die z.B. in Deutschland auch im Grundgesetz verankert ist: Gleichheit, Freiheit, Gerechtigkeit! In Verbindung mit der Aufklärung wie sie Immanuel Kant verstand "sich seines eigenen Verstandes zu bedienen", führt dies zu einem völlig anderen Bild. Die Aufklärung im Westen hinterfragt fast jedes Tabu. Jeder hat ein Recht darauf, die Erklärung für eine Entscheidung des anderen zu erhalten. Nicht nur dies, er kann seine Meinung dazu äussern und Kritik üben. Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass weder Eltern, Vorgesetzte, Religionsführer oder Politiker davon ausgenommen sind. Ein in Asien unvorstellbarer Gedanke, die Hierarchie lässt sich nicht ignorieren! Hier besteht leider eine sehr gefährliche Falle für Westler: denn seine ganze Erziehung, seine Umgebung, sein gesellschaftlicher Umgang und sein Wertesystem, erlauben ihm wiederum diese Tabus nicht! Aber wer hier einem Asiaten die falsche Frage stellt oder ihm unberechtigter weise etwas vorwirft, zerschlägt meist unwiederruflich das "Porzellan"! Dieses ist zwar schnell verstanden und aufgeschrieben, aber die Umsetzung kann leicht zu einer Lebensaufgabe ausarten. Im schlimmsten Fall lässt sie sogar manche daran scheitern.

Ein Freund erzählte mir von absoluten Ungeheuerlichkeiten, die ihm und seinen Geschwistern von ihrer Mutter angetan wurden. Er meinte dies jedoch nicht als Vorwurf in Richtung seiner Mutter, da er sofort dazu sagte: "Aber das ist meine Mutter. Da kann man nichts tun!" Die Hierarchie wird als von "Gott gegebene Selbstverständlichkeit" akzeptiert. Aus dieser durch Hierarchien bestimmten Werteordnung, leiten sich auch zumindest teilweise der in Asien weit verbreitete Fatalismus ab. Denn die Hierarchie lässt sich nicht anzweifeln und somit sind alle daraus entstehenden Konsequenzen mit Geduld zu ertragen. Je weiter man selbst gewohnt ist in den unteren Hierarchien sich zu bewegen, desto größer ist die Leidensfähigkeit! Diese hat direkt nichts mit Dummheit oder mangelnder Bildung zu tun, wie es mancher westliche Beobachter vielleicht einschätzen mag. Es ist lediglich die Anerkennung eines Hierarchiesystems, in dem man aufwuchs und an dem man meist nichts ändern kann. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Je weiter man "oben" innerhalb der Hierarchie reingeboren wurde, desto größer ist meist der Wohlstand. Je weiter "unten" man hinein geboren wird, desto beschwerlicher und anstrengender wird sich das eigene Leben gestalten. Dies kann bis zum, nach westlichem Verständnis, "Sklaventum" reichen! Daraus resultieren dann Schicksale wie Prostitution, Pädophilie und Menschenhandel. Habe von einem einfachen Mann auf dem Land erfahren, der seine Schulden bei seinem Nachbarn nicht bezahlen konnte. Der war bereits über 70 Jahre alt und erklärte sich bereit, die Schulden zu erlassen, sofern der ihm seine jugendliche Tochter dafür übergäbe ... Ein anderer fragte mich, ob ich keinen reichen Ausländer für seine jungfräuliche Tochter kennen würde, die dann den "gerne auch 80-jährigen" heiratet ... Das sind dann die Momente, wo man verzweifeln könnte.

Aber Hierarchien sind nicht immer starr und unveränderlich, auch wenn sie so scheinen. Erfolge eines Gruppenmitglieds, insbesondere finanzieller Art (guter Job, hohes Gehalt, besondere Leistung etc.), lassen das Mitglied in der Hierarchie nach oben aufsteigen. Hingegen werden Versagen oder unangebrachtes Verhalten (negative Charaktereigenschaften), die jeweilige Person in der Hierarchie absteigen lassen. Dies gilt sowohl in gesellschaftlichen Hierarchien, als auch in den familiären.

Viele Westler überschätzen ihre eigene Persönlichkeit im Umgang mit diesen Gruppen-Hierarchien. Kuschen, Schäden finanziell abgelten und stets kleinbeigeben, führt zu dem zuvor beschriebenen Abstieg. Daraus aber zu folgern, man muss nur die anderen anschreien und einschüchtern, kann helfen - muss es aber nicht. Denn man wird damit in der Hierarchie nicht aufsteigen, sondern zum Aussenseiter, vor dem die meisten im Moment Angst haben. Allerdings sollte in diesen Fällen eher der Aussenseiter Angst haben, da er sich mit diesem Verhalten potentielle Feinde schafft. Und wer will schon in permanenter Angst leben?
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kaithoma

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25

Monday, December 6th 2010, 5:44am

gerade unter geschwistern sollte man die hierarchie nicht ganz so eng sehen, da sie sich mit zunehmendem erfolg beruflicher und finanzieller art verschiebt.... es kommt durchaus vor, dass z.b. die juengste schwester zwar weiterhin ihre aelteren geschwister "blessed", aber ihre meinung z.b. bei familienentscheidungen am meisten respektiert wird, da sie eben den meisten "erfolg" aufzuweisen hat und damit als beispiel fuer alle gilt.... dafuer habe ich in meinem umfeld schon etliche beispiele gesehen.... im gegenteil, mir scheint die allgemeine herarchie unter geschwistern auf alltaeglichkeiten zu beruhen, aber wenn es um etwas geht, sieht man auf einmal eine ganz andere rollenverteilung..... gleichartiges habe ich in geringerem masse auch bei der eltern - kinder beziehung gesehen, wo dann die mutter oder der vater auf einmal grossen wert auf die meinung der juengsten legt, weil die ja als einzige in der familie echte kohle verdient.... man sieht das uebrigens recht haeufig bei OFWs aber nicht nur....

man koennte also die geschwisterliche hierarchie oder rangfolge aufteilen: da waere dann zum einen die zuerst von stevaro erwaehnte rangfolge und zum anderen die auf erfolg beruhende rangfolge, die er am ende auch erwaehnt, wobei diese sich durchaus verschieben kann, wenn andere geschwister auf einmal auch erfolge im leben aufweisen koennen.....

es sollte abschliessend noch dazu gesagt werden, dass die aelteste schwester im allgemeinen vor dem zweitaeltesten bruder rangiert, wenn sie die erstgeborene ist....
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26

Tuesday, December 7th 2010, 12:22pm

schließe mich da der meinung von kaithoma an.

meine kleine, jüngste tochter und insgesamt die drittjüngste von acht, bekommt von zu hause viel respekt und wird auch bei familiären entscheidungen um ihre meinung befragt.

ist vielleicht aber auch nicht überall so.

icediver

27

Friday, December 23rd 2011, 7:04pm

Schade...

Warum schreibst du nicht weiter... Ich finde es sehr interessant!
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Am schädlichsten für ein Unternehmen sind hoch motivierte Arbeitnehmer die keinen Überblick haben!

28

Saturday, December 24th 2011, 2:17am

Warum schreibst du nicht weiter... Ich finde es sehr interessant!
Dann schau doch mal hier:
http://www.philippinen.cc/ Da wirst Du weiter in aller Regelmäßigkeit gut bedient! :hi
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What a drag it is getting Old!
The Rolling Stones (Mother´s little helper)

:rauchen

sts

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29

Saturday, December 24th 2011, 8:53am

die geschwister meiner frau sind untereinander gleichberechtigt, so jedenfalls mein eindruck in den letzten 10 jahren auch intensivem zusammenlebens. mit den partnern,ehemännern gab es dafür probleme, weil die sich nicht einordnen lassen wollten in die hirarchie. deshalb haben sie sich auch mehr oder weniger entfernt,alle weg...

ansonsten finde ich stevaros beiträge sehr sehr lesenswert.

sts
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Leben wie Rockefeller, warum kaufen wenn mieten so einfach ist.

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Monday, January 2nd 2012, 9:38am

Ich konnte feststellen, dass der wirtschaftliche Erfolg für die Hirachie sehr entscheidend ist. Meine Frau hat sowohl ältere als auch jüngere Schwestern und Brüder. Ihre Familie war mal sehr arm. Aber meine Frau ist mit 18 ins Ausland arbeiten gegangen, hat hard gearbeitet und hat alles gespart. Dadurch zählt ihre Familie jetzt zu den wohlhabenden im Dorf. Ich hatte das Gefühl, das alle sofort sprangen, wenn meine Frau nur mit den Augen zwinkerte. Und auch wenn es irgendwelche Probleme gibt, wird sie angerufen und um Rat gefragt. Sie ist durch ihren wirdschaftlichen Erfolg zum absoluten Familienoberhaut aufgestiegen, auch Ihre Eltern haben sich ihr untergeordnet. Aber zu Kulturdifferenzen: Zu Neujahr musste ich in alle Taschen Geld stecken und damit klappern, um sicherzustellen, dass wir das ganze Jahr über Geld haben werden. Und auf den Tisch musste eine Schale mit vielen verschiedenen runden Früchten stehen, ich glaube für Glück oder so was. Und wir haben lange Spaggetis für ein langes Leben gegessen.

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31

Monday, January 2nd 2012, 10:26am

Ich konnte feststellen, dass der wirtschaftliche Erfolg für die Hirachie sehr entscheidend ist. Meine Frau hat sowohl ältere als auch jüngere Schwestern und Brüder. Ihre Familie war mal sehr arm. Aber meine Frau ist mit 18 ins Ausland arbeiten gegangen, hat hard gearbeitet und hat alles gespart. Dadurch zählt ihre Familie jetzt zu den wohlhabenden im Dorf. Ich hatte das Gefühl, das alle sofort sprangen, wenn meine Frau nur mit den Augen zwinkerte. Und auch wenn es irgendwelche Probleme gibt, wird sie angerufen und um Rat gefragt. Sie ist durch ihren wirdschaftlichen Erfolg zum absoluten Familienoberhaut aufgestiegen, auch Ihre Eltern haben sich ihr untergeordnet. Aber zu Kulturdifferenzen: Zu Neujahr musste ich in alle Taschen Geld stecken und damit klappern, um sicherzustellen, dass wir das ganze Jahr über Geld haben werden. Und auf den Tisch musste eine Schale mit vielen verschiedenen runden Früchten stehen, ich glaube für Glück oder so was. Und wir haben lange Spaggetis für ein langes Leben gegessen.


Das man eine Münze in der Hosentasche zum Jahreswechsel haben muß wird bei uns ebenfalls zelebriert. Ebenso besteht der philippinische Teil der Familie auf den Verzehr von einer Frucht für den Erhalt der Gesundheit im kommenden Jahr. Das mit den langen Spaghetties ist mir allerdings neu.
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Monday, January 2nd 2012, 11:02am

Zu Neujahr musste ich in alle Taschen Geld stecken und damit klappern, um sicherzustellen, dass wir das ganze Jahr über Geld haben werden. Und auf den Tisch musste eine Schale mit vielen verschiedenen runden Früchten stehen, ich glaube für Glück oder so was. Und wir haben lange Spaggetis für ein langes Leben gegessen.
ja - kann ich alles bestätigen,

alle im haus vorhandenen münzen (und es waren nicht gerade wenige) wurden ich eine kochtopf verbracht,
um NULL uhr wurde damit draussen vor der haustür geklappert, was das zeug hält,

mindestens 13 verschiedene früchte mussten auf dem tisch präsentiert werden
(wir kauften sicherheitshalber 14)

und die längsten spaghettis mussten gekauft und sylvester abend verspeisst werden

LG
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1. ich habe GELD gegen ZEIT getauscht - und es geht mir gut!
2. die LIEBE und die EDV gehen manchmal seltsame Wege.
3. diese Nachricht wurde NICHT von einem I-PHONE oder GT-N7000 gesendet.

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Monday, January 2nd 2012, 11:05am

die muenzgeschichten und die fruechte sind mir auch bekannt..... wobei es bei den muenzen variationen gibt.... bei meiner frau im dorf werden die muenzen nach dem "klappern" in die luft geworfen und die kinder duerfen die aufklauben.....

die langen spaghetti fuer langes leben kenne ich auch nicht, aber das ist vielleicht regional unterschiedlich......
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Tuesday, January 3rd 2012, 5:13am

ist ueblich hier bei uns, wobei urspruenglich reisnudeln genommen wurden. gibts auch an geburtstagen etc.
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[X] <---- hier bitte bohren für neuen monitor.

bernd f

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Hobbies: motorradfahren , internet / pc

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Tuesday, January 3rd 2012, 6:57am


Ich kriege es im Urlaub auch selber mit und ärgere mich manchmal über mich selbst. Aber um sich auf die philippinische Umgangsweise umzustellen braucht es wirklich viel Zeit und Geduld und auch den Willen sich selbst zu ändern.
ja , genau und dann immer wieder das gefühl zu haben "ich kenn mich mit der mentalität gut aus" - und man denkt schon wieder verkehrt und muss dazu lernen , für mich glt es meine erwartungen absolut runter zu schrauben .
und ja , der stolz ist auch so ein knackpunkt , weil stolz sein kann man auf vieles , auch auf etwas worüber sich ein "vernünftiger" deutscher schämen würde . .